Vom Feldhasen bis zur Wildbiene: Wenn Blühflächen auch über den Winter ungestört bleiben dürfen, finden bedrohte Tierarten dort dauerhafte Rückzugsräume. Viele Insekten sterben sonst beim Mähen im Spätherbst. Einjährige Blühflächen entwickeln sich dann teils sogar zu Todesfallen für die Tiere, für deren Schutz sie eigentlich gedacht waren. In mehrjährigen Blühflächen finden die Insekten, wie auch Feldvögel und Niederwild, die durch das reiche Nahrungsangebot im Sommer angelockt wurden, dagegen auch einen sicheren Platz zum Überwintern.
Besonders im Winterhalbjahr wirken Blühflächen, die dann schon verblüht sind, auf manche Spaziergängerinnen und Spaziergänger in der ordentlichen Ackerlandschaft auf den ersten Blick unaufgeräumt oder ungepflegt. Doch diese scheinbar wilden Inseln in der Feldflur sind tatsächlich Rettungsinseln! Hier pflegen engagierte Landwirtinnen und Landwirte rund ums Jahr dringend benötigte Rückzugsräume für bedrohte Tiere der Feldflur.
Frühling und Sommer: Die Blühfläche brummt
Ab dem Frühling zeigt die Blühfläche ihre volle Schönheit. Viele Wildstauden überstehen den Winter in den Flächen als Blattrosetten. Diese können bereits sehr früh im Jahr wieder austreiben und bilden erste bunte Blüten auf den Flächen. Hummeln und andere Wildbienen, die schon im zeitigen Frühjahr aktiv sind, finden hier eine wichtige Nahrungsquelle. Die strukturreichen Pflanzenbestände bieten außerdem Feldvögeln wie der Feldlerche geschützte Brutplätze und Nahrung.
Im Sommerhalbjahr blühen viele verschiedene Wildpflanzen und bieten Wildbienen und anderen Bestäubern reichlich Nahrung. Für Wildbienen ist es besonders wichtig, in der Nähe ihrer Nahrungsquelle auch Nistmöglichkeiten zu finden, da sie oft nur einen Flugradius von bis zu 100 Metern haben. Je vielfältiger die Pflanzenarten, desto mehr Tiere profitieren davon, denn viele bestäubende Insekten sind auf bestimmte Pflanzen spezialisiert.
Herbst und Winter: Die Blühfläche mummelt sich ein
Ab dem Herbst werden die Blüten seltener und auch das lebhafte Treiben in den Flächen wird immer ruhiger, während sich die Tiere auf die kalte Jahreszeit vorbereiten. Im Winterhalbjahr bieten trockene Pflanzenstängel in den Flächen vielen Insekten einen sicheren Ort, um ihre Eier abzulegen und den Winter als Larven oder Puppen zu überstehen. So überwintert der Schwalbenschwanz als Puppe. Diese hängt buchstäblich am seidenen Faden an einem Pflanzenstängel. Wenn die Stängel bis ins späte Frühjahr stehen bleiben dürfen, schlüpft aus den Puppen ab April die erste Faltergeneration des neuen Jahres. Die trockenen Pflanzen bieten auch Verstecke für Niederwild wie Rebhühner und Feldhasen. Die Vielfalt an Pflanzensamen dient ihnen als energiereiche Nahrungsquelle im Winterhalbjahr.
Landwirt-schaf(f)t Lebensraum
Biologische Vielfalt auf den Acker- und Grünlandflächen in Baden-Württemberg zu fördern, ist das Ziel des NABU-Projekts „Landwirt-schaf(f)t Lebensraum – Refugialflächen für die Artenvielfalt“. Refugialflächen sind hochwertige Rückzugsräume für Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes. Dazu gehören auch Blühflächen. Jahrhundertelang hat die Landwirtschaft dafür gesorgt, dass in Deutschland eine reich strukturierte und artenreiche Kulturlandschaft entstanden ist. Mit der Pflege von mehrjährigen Blühflächen sorgen engagierte Landwirtinnen und Landwirte dafür, dass diese Vielfalt erhalten bleibt.